Ich bin wieder an einen Ort zurückgekehrt, an dem ich vor einer Woche war. Es ist faszinierend wie gut ich mich hier schon orientieren kann, obwohl ich nur 3 Tage in und um Irinjalakuda verbracht hatte. Es füht sich auch sehr gut an, weil mich die Menschen wiedererkennen und gleich doppelt so freundlich sind, als ein Level erreichen, das eigentlich schon beängstigend ist.
Ich bin mit Rena per Anhalter hierher gekommen und wir mussten das letzte Stückchen eigentlich noch laufen, aber mein freundlicher Rikschafahrer, von dem ich das Motorrad vor einer Woche geliehen hatte, kam zufällig vorbei und fuhr uns kostenlos zum Hotel.
Ich habe keine Angst vor der Zukunft, weil alles sich ineinander fügt und sich so leicht gestalten lässt. Die Wahrscheinlichkeit, dass so viele glückliche Zufälle geschehen spricht gegen mich, aber wenn wir etwas wirklich wollen, „verschwört sich das ganze Universum“ (Coelho) und hilft uns es zu erreichen.
An einen Ort zurück zu kehren bedeutet auch ihn viel aufmerksamer zu betrachten und noch mehr kleine Details zu entdecken. Es war mir diesmal auch möglich einer Probe des Mohiniyattam, einer Art Gebetstanz für Frauen, beizuwohnen. Bei der Probe tanzten Mädchen und Frauen in einer Gruppe einen erstaunlich weichen und dennoch präzisen Tanz, bei dem sie eine faszinierende Körperkontrolle, sowohl der Mimik, als auch der Gestik hatten. Mir kam sofort der Gedanke, dass Frauen in Indien vieles gewissenhafter un mit großer Aufopferung betreiben als indische Männer. Die Mädchen auf der Bühne trainieren seit ihrem 4. Lebensjahr und tanzten für das ungeschulte Auge in perfekt in ihren Bewegungen. Unter den Tanzenden war auch eine Mexikanerin, die diesen Tanz seit einigen Jahren praktizierte, jedoch neben den Inderinnen viel schwerfälliger und härter wirkte. Hätte ich sie allein tanzen gesehen, wäre ich sicherlich positiv beeindruckt gewesen, aber im direkten Vergleich mit den Inderinnen, deren Bewegungen natürlich elegant wirken, hat sie noch einen langen Weg vor sich.
Der Vergleich zu den indischen Männern manifestierte sich so stark, weil ich die Kampfkunstvorfühung in Kochi eher mittelmäßig empfand und wesentlich mehr erwartet hatte. Im Gesamtbild Indien zeichnet es sich stark ab, dass Frauen sich von klein an aufopfern und Männer eher verhätschelt werden, was die Gewissenhaftigkeit stark unterentwickelt lässt.
Ich reise wieder allein und bin zum 3. Mal nach Irinjalakuda zurückgekehrt und sitze in einer Bar/Restaurant, in dem ich vor kurzem mit Rena in einem Einzelraum gesessen hatte. Neben dem Barraum, bieten sie hier sehr heruntergekommene Privatzimmer an, damit sich Mann sich auch ganz anonym betrinken kann. Mann muss hier sehr wörtlich genommen werden, da Frauen nicht trinken bzw. nicht trinken dürfen. Es wird Alkohol ausgeschenkt, die Beleuchtung ist düster, und ein lautes Stimmenwirrwar umgibt mich, was ganz ungewöhnlich für Indien ist. Zwar ist es hier ständig laut und ich bin immer von Menschen umgeben, jedoch sprechen sie wenig miteinander. Mir ist es letztens wie Schuppen von den Augen gefallen, als ich im supervollen Bus nach Kochi saß, dass mich ein riesiger Geräuschschwall aus Motorengeräuschen, Hppen, Schreien und Klingeln umgab, aber dass kein einziger Mensch im Bus sprach. Vielleicht liegt es teilweise daran, dass Frauen im Bus vorn sitzen und Männer hinten sitzen müssen. Solch eine physische Trennung, die sich auch in den Köpfen fortsetzt bzw. die mentale in die physische, fördert sicherlich nicht die Kommunikation und das Verständnis zwischen den Menschen.
Thursday, 24 January 2008
An einen Ort zurueckkehren
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Wednesday, 23 January 2008
Selbstlosigkeit
Mich fasziniert es immer wieder wie gastfreundlich und selbstlos indische Menschen sind. Ich aß mit Rena spät Abends an einer Straßenküche in Kochi, die ein 24 jähriger mit 2 Freunden betrieb. Es kam eine sehr schöne Konversation mit ihm zu stande, obwohl er nur begrenzt Englisch sprach. Sein Vokabular bestand vielleicht aus 40 Wörtern, jedoch war seine Körpersprache ausdrucksstark und vermochte die fehlenden Vokabeln zu ersetzen. Er vermittelte mir wieder eine neue Seite Indiens durch einen kleinen Einblick in sein Leben und seine Welt. Er ist der Besitzer dieser kleinen Straßenküche und fängt Morgens um 7 Uhr an und geht erst 00:30 Nachts nach Hause, um dort für 2 Stunden zu schlafen. Am Tage macht er noch zwischendurch 2 Stunden Pause, aber rackert er sich so 7 Tage die Woche ab. Er ist zum 2. Mal verheiratet und diesmal viel glücklicher, weil er seine erste Frau nicht anziehend fand. Beide Male haben seine Eltern sich auf Suche für ihn begeben und ihn verheiratet. Ich habe versucht herauszufinden, was er in seiner sehr kurzen Freizeit macht, aber anscheinend verbringt er diese nur zu Hause bei seiner Frau, die nicht arbeitet und eigentlich nur mit ihm aus dem Haus geht beziehungsweise raus gehen darf.
Nachdem wir unseren letzten Chai des Tages getrunken hatten, schlug er uns vor am nächsten Morgen uns einen naheliegenden Strand zu zeigen. Wir aßen also unser Mittagessen bei ihm und fuhren mit der Rikscha und dem Bus zum Cheraistrand (hab ich erst im Nachhinein herausgefunden), nördlich von Kochi. Er bestand darauf beide Male zu bezahlen und versuchte uns vor einigen Indern zu warnen, wiederholte hierbei die Warnungen bestimmt 6 Mal, damit wir es auch ja nicht vergessen. Er saß mit uns am Strand, halb mir beim Früchtekauf, weil es für ihn wesentlich billiger war, handelte sich hierbei noch böse Blicke und Kommentare ein, weil er mir half, und das wirklich Unfassbare ist die das absolut selbstlose seines Handelns. Ich versuchte ihm ein bisschen Geld für alle seine Ausgaben und noch ein klein wenig mehr für die Rückfahrt zu geben, aber er lehnte dies strikt ab. Wahrscheinlich empfindet er es sogar als ziemlich unangenehm, dass ich ihm Geld geben wollte.
Es erfüllt mein Herz immer noch mit warmer Freude, wenn ich daran denke, weil er nicht nur finanziell alles getragen hatte, sondern auch seine Zeit, die sehr begrenzt ist, für uns geopfert hatte. Aus seinen zwei Stunden Pause wurden locker vier Stunden mit uns, weil den Tag früher, schon um 5 Uhr, begann, damit er mehr Zeit zur Verfügung hatte.Ich bin überwältigt von dieser Hilfsbereitschaft, weil es in meiner Erfahrungswelt nur sehr wenige solche Momente gab. Aber seit ich in Indien bin, ist es mehr zur Regel geworden. Wann hat irgendeiner von uns schon mal seinen ganzen Tag nach einem wildfremden Menschen ausgerichtet, ohne jegliche Erwartungen (finanziell, beziehungtechnisch, sexuell) zu stellen? Ich bin ihm sehr dankbar und hoffe, dass ich in Zukunft auch so handeln kann wie er. Stellt euch vor wieviel mehr Freude und Liebe in unserer Welt wäre, wenn jeder von uns so handeln würde. Wir müssen nicht mal religiös oder spirituell sein, sondern die Situation nur rational betrachten und mir erscheint es ziemlich logisch so zu handeln.
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Monday, 21 January 2008
Zurueck in die Hochburg
Nach meinen Ausflügen in das nicht touristische Indien bin ich jetzt wieder in einer Touristenhochburg gelandet. Kochi, früher auch Cochin genannt, ist eine sehr schöne Küstenstadt auf einer Insel, die schon die Portugiesen, Holländer und später auch die Briten zu schätzen wussten. Die Einflüsse dieser Kolonialstaaten sind heute noch in der Architektur zu sehen und im Flair der Stadt zu spüren. Es ist schon ein bisschen seltsam durch Straßen mit Fachwerkhäusern zu laufen und sehr europäische Café zu sehen. Fast alle prunkvollen Häuser der Kaufleute von damals sind heute Luxushotels und die Straßen herum sind gepflastert mit Geschäften, die vollständig auf den Touristen ausgelegt sind.
Ich hatte schon fast verdrängt wie aggressiv die Verkaufsmethoden sind, aber nachdem ich auf 200m von 8 Geschäftsbesitzern scheinheilig freundlich in das Geschäft gebeten wurde („just looking“), war es mir wieder sofort präsent.
Kochi ist sehr bekannt für seine chinesischen Fischernetze, riesige Konstruktionen von herablassbaren Netzen, die chinesische Seeleute nach Kochi brachten. Es ist auch das am meisten erscheinende Motiv in Photographien von Kerala. Neben dieser Attraktion wird in Kochi keralisches Theater und keralischer Kampfsport zelebriert.
Natürlich wollte ich mir die Netze auch anschauen und wurde prompt auf die Konstruktion eingeladen. Fand ich sehr nett von den Fischern, die mich auch am Seil ziehen ließen, aber nichts ist hier umsonst und das Aufhalten der Hand war keine Überraschung mehr.
Ich habe mir mit Rena jeweils eine Vorstellung des Kalarippayat, einer 3000 Jahre alten Kampfkunst, und Kathakali, eine Form keralischen Theaters, angeschaut. Die Vorstellungen waren extrem überteuert und nicht ganz ungefährlich. Wir saßen bei der Kampfkunstvorstellung in der 2. Reihe, als sie eine Drahtpeitsche demonstrierten, die sich während der Show in Teile auflöste. Der Frau neben uns konnte ich die Todesangst aus dem Gesicht lesen und sogar als die Show vorbei war, sah ich ihr den Schock noch an. Die Situation war urkomisch und ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen.
Die Kathakalishow war sehr interessant, da sie zuerst das Makeup der Schauspieler zeigten und dann eine Einführung in die Zeichensprache dieser Theaterform gaben. Das Theater basiert auf extrem übertriebener Mimik und Gestik, stark Kostümierten Schauspielern, sowie traditioneller indischer Musik.
Neben dem Konsum dieser vorgefertigten Häppchen, die einem jeder Reiseführer serviert, sind wir ca. 10 km durch die verschiedenen Viertel gelaufen. Innerhalb von 200m können Welten liegen. Auf der einen Seite liegt das authentische Leben Indiens, auf der anderen die schnörkellose und glatte Oberfläche des touristischen Konsums.
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Monday, 14 January 2008
Hindu Identitaet
Ich bin ein jetzt ein Hindu oder habe es zumindest versucht äußerlich zu werden. Ich bin gerade in dem Dorf Irinjalakula, in dem der Koodal Manikyan Tempel steht, der einzigartig in Indien sein soll, jedoch nur von Hindus betreten werden darf. Weil der Kiên aber auch den Tempel bestaunen wollte, hat er sich nen Dothi, eine Art von Wickelrock für Männer, gekauft, und ist als Hindu (hab sogar versucht auch mental Hindu zu sein) durch den Eingang spaziert. Der super freundliche Pförtner hat mich aber sofort durchschaut und nach meinem Hinduzertifikat gefragt, das ich in Calicut bekommen würde. Vielleicht hätte ich es ein bisschen besser planen sollen, als ich in Calicut war. Irgendwie finde ich es ein bisschen seltsam, dass sie ein Papier brauchen, um ihr Dasein als Hindus zu belegen. Wer mag, dem stelle ich gern ein Zertifikat für Atheisten oder Spirituelle aus.Der darauf folgende Besuch eines Zentrums für keralischen Tanz und Kampfkunst war auch nicht von Erfolg gekrönt, da ich gerade ein 10 tägiges Festival verpasst hatte und alle wegen Überanstrengung eine Woche pausierten.Mmh, kein Tempel und keine Kultur, also beschloss ich mir ein Motorrad zu mieten und durch die Landschaft und Dörfer zu fahren. In dem Dorf gibt es keinen offiziellen Verleih, aber der Rikschafahrer „Arun“, der vor meinem Hotel parkte, wollte mir eins besorgen. Ich stieg also in seine Rikscha und fuhr mit ihm zum Nachbardorf, wo er mit seiner Familie wohnte. Zwischendurch hielten wir an allen möglichen Häusern, in denen er mich vorstellte: „Kiên, aus Vietnam, mein neuer Freund“. Aha! Ich bin wieder einen Freund reicher ;-). Wir plauderten ein bisschen und er wollte, dass ich ihm einen Job in Vietnam besorge. Ich versuchte ihm zu verklickern, dass er zuerst Vietnamesisch lernen müsse und nicht allzu unterschiedliche Bedingungen in Vietnam vorfinden würde. Naja, er besteht trotzdem darauf und wollte mich als persönlichen Lehrer anstellen.Bei ihm zu Hause luden sie mich zum Mittag ein, was ich dankend ablehnte, da ich gerade zuvor Mittag gegessen hatte. Ich bekam mein Motorrad, nachdem ich ihm auch noch für die Rikschatour entlohnen musste, und düste erstmal durch das Dorf.Nach einem Blick auf meine Karte, entschied ich mich um 30 km entfernten Strand zu fahren, um dort den Sonnenuntergang zu genießen. Ich finde es unglaublich schön allein mit dem Motorrad durch das Land zu fahren und Wind und Sonne auf meiner Haut zu spüren.Am Strrand schaute ich ein paar Kindern beim Cricket spielen zu und legte mich in den San, um auf den Sonnenuntergang zu warten. Während ich wartete hörte ich das Motorgeräusch eines vorbeifahrenden Mortorrades. Ich war nicht sicher, ob ich mit meinem Motorrad auf dem Strand fahren sollte, konnte aber nicht widerstehen und stieg auf. Ihr müsst euch einen 3 km langen Sandstrand, flankiert von grünen Palmen und keiner Menschenseel vorstellen. Das Meer tauchte sich in ein sanftes Rot und ich fuhr gemütlich mit dem Motorrad den Strand entlang. Neben mir rauschten die Wellen und sickerten kurz vor dem Motorrad in den Boden. Es war so ein euphorisierndes Erlebnis, dass ich einfach ins Meer hinaus schreien musste.
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Friday, 11 January 2008
Welt- und Menschgeschichte vermischt
Ich wandle gerade auf den Pfaden der Weltgeschichte zu denen ich ein größeres Wissen, das heisst nicht total ahnungslos bin, habe. Mein Weg führt mich zum Kappadstrand, der 16 km von Calicut (Kohzikode) liegt und 1498 Geschichte schrieb, als Vasco da Gamma hier landete und den Seewgeg nach Indien entdeckte. Heute erinnert hier nur noch ein Miniobelisk mit einer Inschrift and die Landung Vascos.Das ganze ist interessant, spielt aber vielmehr eine persönlichere Rolle für mich, da ich zu meiner Jugendweihe (Wow, das fühlt sich wie ein anderes Leben an) eine Erzählung über die Suche nach dem Seeweg nach Indien von „Waldi“ und „Uschi“, menem deutschen Onkel und meiner deutschen Tante, geschenk bekam. Ich weiß nicht, ob sie es schon damals wussten, das ich tatsächlich diesen Ort mit meinen eigenen Füßen begehen und meinen eigenen Augen sehen würde, aber ich schätze es jetzt noch viel mehr, da wieder eine Brücke zur Vergangenheit geschlagen wurde. Vielen Dank nochmals, falls ihr das hier lest!Der Strand ist paradiesisch, liegt aber nicht auf den Touristenrouten und ist kein Ziel, dass in den Reiseführern aufgelistet wird, und so konnte ich einen wunderbaren, ruhigen Tag am Meer mit schwimmen und lesen verleben. Nach den letzten vollgepackten zwei Wochen war es sehr erholsam mich einfach baumeln zu lassen.
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Thursday, 10 January 2008
Der indische Pate
Ich sitze in einer kleinen Teehütte den „Valiyaparamba Backwaters“ und genieße den lauen Wind im Schatten. Auf meiner Fahrt nach Süden bin ich zum ersten Mal Zielen gefolgt, die nicht in meinem Reiseführer standen., da ich zur Zeit einen lokalen Reiseführer benutze, den mir Roopa gegeben hat. Auf diesem Wege bin ich schon seit zwei Tagen keinem westlichen Touristen mehr begegnet, habe aber Schwierigkeiten eine Unterkunft zu finden, weil alle günstigen Hotels mich nach der Nationalität fragen und mich wegschicken, weil sie anscheinend nur Indern Unterkunft bieten wollen. Nachdem ich gestern Abend 4 Hotels erfolglos probiert hatte, gab ich im 5. vor, dass ich aus Sikkim, dem Nordosten Indiens stamme, dessen Menschen sehr asiatisch aussehen, und wurde prompt mit einem Zimmer belohnt. Meine neue sikkimsche Identität funktioniert auch beim Eintritt in Sehenswürdigkeiten, die ein Vielfaches an Geld von nicht indischen Touristen verlangen.
Ich bin dazu übergegangen alle Kurzstrecken mir zu erlaufen oder per Anhalter mitnehmen zu lassen. Ich sehe hierbei so viele neue und unterschiedliche Seiten Indiens, weil ich durch Slums laufe und nur ein paar Meter weiter an sehr westlich anmutenden Villen vorbeiziehe.
Kerala, der südwestliche Bundesstaat Indiens, ist der landschaftlich schönste Teil Indiens, den ich bisher gesehen habe. Satt grüne Palmenwälder werden durchzogen von Kanälen und Flüssen, die in das Arabische Meer münden.
Ich wurde gerade von Bootsmenschen umzingelt, die mir Kerala näher bringen wollten, als sie meine Karte von Kerala sahen. Auf meiner Karte sind jetzt alle möglichen Sehenswürdigkeiten und Orte markiert, die ich laut meinen neuen „Freunden“ unbedingt sehen muss.Es findet sich sogar eine Telefonnummer darauf, die ich anrufen soll, falls ich in der Nähe von „Punnamada“ sein sollte und dort eine Unterkunft benötige. Es ist unglaublich wieviel bereichernder meine Reise wird, sobald ich die abtrampelten Pfade verlasse. Die Bootsmenschen haben mich auf ein lokales Boot gesteckt, dass mich durch die Backwaters fährt. Eigentlich ist es ein Wassertaxi für die einheimische Bevölkerung, aber es lässt sich auch als Führungsboot benutzen. Ich fuhr die Flußarme an Palmenwäldern und vereinzelten Häusern entlang, passierte Fischerboote, deren Fischer im Wasser standen, um die Netze zu kontrollieren, und bemerkte, dass ein großteil der Bevölkerung hier islamisch geprägt ist. Auf der Rückfahrt verfolgte ich gespannt den Sonnenuntergang vom Boot aus, wie er die Fischernetze und die Palmen in ein leichtes Rot tauchte und sich im Wasser spiegelte.
Zurück in der Kleinstadt entschied ich mich den Zug nach „Calicut“, einer der größten Städte Keralas, zu nehmen, weil es dort vermutlich bessere Übernachtungsmöglichkeiten gibt. Ich lief also zu dem kleinen Bahnhof, der absolut verlassen aussah, und fand zum Glück einen geöffneten Ticketschalter. Der Mann gab mir ein Ticket für die ersten beiden Wagons, die für unreservierte Tickets frei gehalten werden, und machte mich noch daurauf aufmerksam, dass bald ein geplanter Stromausfall folge. Es ist hier ganz normal, dass der Strom für eine Stunde pro Tag abgeschaltet wird, da die Kraftwerke den Bedarf an Strom nicht konstant decken können. Eigentlich könnten wir dies auch in Europa anwenden, sozusagen als passiven ökologischen Beitrag für alle. Ich habe gerade diesen Gedanken weitergesponnen und mit mir selbst über die Machbarkeit diskutiert, aber bin leider bei einer Grundsatzdiskussion gelandet.
Ich saß also im stockdunklen Bahnhof, sah ein paar Lagerfeuer in der Ferne und verfolgte ein Licht auf mich zukommen. Es war eine Gruppe von 6 Männern, die über die Schienen stiegen und mich quasi umzingelten. Ich hatte ein recht mulmiges Gefühl, weil die tiefschwarze Nacht und der verlassene Bahnhof mein Gefühl des Misstrauens gegenüber der Gruppe noch verstärkten. Der eine fing an zu reden: „May I introduce myself ...“ (Dürfte ich mich vorstellen ...) und ich kam mir vor wie in den Mafiafilmen (Sorry Salvo ;-), es bleibt wohl für immer an Sizilien haften!), in denen sich der Pate vorstellt, was nichts Gutes zu bedeuten hatte. Letztendlich musste ich nur mit dem Paten reden, um mein Leben zu retten. Sie waren alle Handwerker aus der Stadt und wussten, dass ein Tourist in der Stadt war und kamen aus Neugier, sowie dem Ehrgeiz ihr Englisch zu verbessern. Ich finde es ein bisschen beängstigend, dass die ganze Stadt wusste, dass ich da bin und vor allem, wo ich bin.
Der „Pate“ war Rikschafahrer bei Tage und sprach ein erstaunlich gutes Englisch, obwohl er nie Englischunterricht hatte, weil er die Schule nur bis zur 4. Klasse besuchte. Er hatte aber ein großes Interesse für Sprachen und nutzte jede Gelegenheit, um sich zu verbessern, besonders wenn sich mal ein Tourist in die Kleinstadt verirrte. Für mich ist es sehr bewundernswert und auch ein wenig traurig, weil ich mich frage, was wäre, wenn er die Freiheit unserer Möglichkeiten gehabt hätte.
Ich ließ ein paar meiner Gedanken beim „Paten“, verabschiedete mich und stieg in den vollsten Zug meines Lebens. Unreserviert Reisen heißt Stehgarantie mit gratis Massenkuscheln. Es machte mir nichts aus in den Wagon mit Holzbänken zu steigen, weil ich eh die ganze Zeit stehen musste. Ich habe keine Platzangst, keine Berührungsängste und überrage die meisten Inder um einen Kopf, was lebensnotwendige Voraussetzungen sind, um in den ersten beiden Wagons in Indien zu reisen und zu überleben. Es war sehr warm, die Luft war stickig und ein Geruchscocktail aus Schweiß, Urin und Scheiße verstärkte den Stress auf die Passagiere, so dass es zu einer kleinen Rangelei kam, die zum Glück nicht in einer Massenschlägerei endete.
Ziemlich übermüdet und leicht gestresst kam ich in „Calicut“ an und begab mich um 23 Uhr auf Hotelsuche. Was ich nicht wusste, war die Tatsache, dass eine große Hochzeit in der Stadt stattfand und keine Zimmer mehr zu finden sein würden. Ich lief durch die ganze Innenstadt und fragte mich in 10 Hotels durch, bevor ich zum Bahnhof zurückging und mich auf den Boden im Warteraum neben die anderen Passagiere legte.
Es ist jetzt 8 Uhr morgens, ich trinke meinen 4. Chaitee und frage mich, was mich gestern geritten hatte, dass ich Bus, Boot, Bahn gefahren und getrampt bin, um 300 km zurückzulegen, 2 Forts zu besuchen und auf den Backwaters rumzutuckern. Ich glaube, dass es in dem natürlichen Chaos Indiens liegt und ich es deshalb so sehr genieße.
Posted by bizillianer at 21:19 0 comments
Wednesday, 9 January 2008
Zugfahren ist Indien
Ich bin gestern Morgen nochmal zum Strand gegangen, um kurz ins Meer zu springen, bevor ich mich auf den Weg nach Mangalore gemacht habe.
Mein Strandgang lässt sich gut als Kameraflug beschreiben und beginnt mit dem Flug durch die Straße, die zum Strand führt , vorbei an zahllosen Geschäften, Internetcafés und Reisebüros, die das Leben des Pauschaltouristen erleichtern. Am Strand angekommen, leuchtet das blaue Meer und der wolkenlose Himmel der Kamera entgegen. Ein Schwenk nach links und nach rechts offenbart grüne, hochragende Palmen hinter der Strandpromenade, die mit Restaurants, Sonnenstühlen, Fischerbooten und Volleyballnetzen gepflastert ist. Durch das Bild der Kamera laufen dünne, dicke, schöne, hässliche, aber allesamt sperrlich bekleidete Menschen, die sich in der Sonne brutzeln lassen. Plötzlich zoomt die Kamera auf eine Frau, die um die 50 ist und deren Oberkörper komplett entblößt, jeder nichts ahnenden Kamera ihren schönheitsoperationsgedrillten Busen aufzwingt. Der Kamera wird es jetzt zuviel und sie schwebt weiter, um den Busen und dessen deutlich sichtbare Operationsnarben zu vergessen.
Nach diesem leichten Strandschockerlebnis bin ich heilfroh in den Zug nach Mangalore gestiegen. Ich hatte fast vergessen wie schön und interessant das Zugfahren in Indien ist. Während der ganzen Fahrt saß ich neben einer brasilianisch-indischen Familie, die in Indien Urlaub macht, um ihre Verwandten zu besuchen. Wir unterhielten uns sehr gut, aber was mir am stärksten in Erinnerung geblieben ist, war eine sehr lustige Handlung des Gatten der Brasilianerin, die einen sichtbaren Bartwuchs (muss wirklich schlimm für sie sein) hatte und sich wahrscheinlich rasieren musste. Der Ehemann näherte sich zärtlich mit seiner Hand dem Gesicht seiner Frau und zupfte vor meinen Augen ein abstehendes Barthaar aus ihrem Gesicht. Zwei Sekunden der Stille und wir alle lachten herzlich auf.
Sehr witzig war auch das permanente Grölen der indischen Jugendlichen, sobald wir mit dem Zug durch einen Tunnel fuhren. Sie hielten diese Prozedur wirklich sechs Stunden lang während der ganzen Zugfahrt durch.
Am späten Abend aß ich Dosai und schaute in die tiefschwarze Nacht, während der Zug durchs Nichts zu schweben schien. Ich hatte das Gefühl völlig losgelöst von der Welt mit dem Zug durch die Unendlichkeit zu fahren. Die Unendlichkeit war doch sehr endlich und ich bin sehr zufrieden in Mangalore angekommen.
Posted by bizillianer at 19:54 0 comments
